Gefühlslage

Die Saison hat wieder begonnen. Alle freuen sich und fiebern mit. Alle? Nein, ein zu tiefst unglückliches Fangirl steht wie betäubt im Stadion oder sitzt gleichgültig vor dem Fernseher.

Das Gefühl hatte ich bereits in den letzten Spielen der abgelaufenen Saison. Aber damals ging es gegen den Abstieg, um die Zukunft und somit waren da natürlich Emotionen mit im Spiel, wenngleich auch weniger als erwartet. Deshalb überwog auch die Erleichterung am Ende die Freude, aber da war ich wohl nicht die Einzige.

Ich ging davon aus, dass mir die Sommerpause viiiieeelll zu lange erscheinen würde und ich spätestens nach dem Urlaub hochmotiviert an die Planung der nächsten (Auswärts-)Fahrten gehen würde. Nun, ich saß zwar im Urlaub tatsächlich mal für eine halbe Stunde mit dem Laptop auf der Terrasse um den Spielplan in den Kalender einzutragen, aber das wars dann auch schon. Ich sagte mir, dass es ja schön ist, sich im Urlaub von der anstrengenden Saison zu erholen und nicht an Fußball zu denken. Bei meinem Begleiter, der eine ebenso anstrengende und nervenaufreibende Saison hinter sich hat wie ich, merkte ich zu diesem Zeitpunkt schon eine wesentlich größere Vorfreude.

Trainingslager, Transfers, Verletzungen wurden von mir wahrgenommen, aber nicht wirklich emotional kommentiert. Dass ich die Saisoneröffnung aufgrund einer dämlichen Familienfeier verpasste, ärgert mich nicht wegen des Spiels, sondern wegen der Bezugsgruppe. Insbesondere, weil wir einen herben Verlust zu verkraften haben. Quote, du fehlst! Immer noch und immer wieder!

Während mein Freund dem ersten Heimspiel seines Kleeblatt entgegenfieberte, fuhr ich mit gemischten Gefühlen nach Hamburg. Dass das Spiel anders sein würde, als die bisherigen, das war uns allen von vornherein klar. Dennoch: Das Gefühl, das ich sonst beim Fußball habe, wollte sich nicht einstellen. Trotz neugebauter Nord und atemberaubender Choreo.

Nach Karlsruhe bin ich gleich gar nicht erst gefahren. Erstens weil mich das alles letztes Jahr schon nicht überzeugt hat. Zweitens aber auch, weil ich keinerlei Lust verspürte. Von den ersten 5 Auswärtsspielen fahre ich genau zu einem, trotz Auswärtsdauerkarte. Das mag an den Ansetzungen liegen, aber es ist auch nicht so, dass ich es bedaure, nicht zu fahren.

Gesehen habe ich das Spiel natürlich trotzdem. Ohne Jubel, ohne Freude, ohne Emotion. Naja, fast ohne Emotion. Denn das Einzige, das sich nicht geändert hat, ist meine Verbindung zu Lenny. Da werde ich immer noch wütend, wenn man ihn umtritt. Immerhin das ist noch da. Ansonsten: Ja, Auswärtssieg, 4 Punkte aus 2 Spielen. Passt schon. Überschwängliche Freude sieht anders aus.

Dann das Montagsspiel: Mein Freund stolz auf sein Kleeblatt, begeistert von der Spielweise etc. Und ich: Mir geht diese Begeisterung derzeit auf den Sack! Objektiv gesehen, kann ich sie sogar verstehen, aber ich kann emotional damit nichts anfangen. Genauso wenig wie mit Tweets wie „Wann geht die Bundesliga los?“, „Will endlich wieder ins Stadion!“ etc. Mich nervt das. Und zwar nicht, weil ich diejenigen nicht verstehe (also momentan tu ich das wirklich nicht, aber generell natürlich schon), sondern weil ich es nicht FÜHLEN kann. Und das macht mich traurig. Bei dem Gedanken, die Liebe zum Fußball zu verlieren, also dauerhaft zu verlieren, schießen mir Tränen in die Augen. Ich will das nicht! Ich will wieder was fühlen im Stadion und am Fernseher!

Nach ein paar unruhigen Nächten und längeren Gesprächen glaube ich zu wissen, dass die vergangene Saison tiefere Spuren hinterlassen hat, als zunächst angenommen. Sie hat Kraft gekostet, körperlich und seelisch. Und ganz offensichtlich hat die Sommerpause nicht gereicht um zumindest die Spuren auf der Seele zu beseitigen. Und nun? Was ist die Lösung des Problems? Ich glaube an den Spruch: „Die Zeit heilt alle Wunden“ und deshalb werde ich mir und dem Fußball genau das verordnen: Zeit. Was für einen Menschen, der für seine grenzenlose Geduld bekannt ist, natürlich kein Problem ist. Also liebe Zeit, mach hinne! Ich will wieder lachen, weinen, hachen, zetern, schmachten, schreien, jubeln und schimpfen! (Auch wenn das andere womöglich anders sehen).

Und bis dahin? Werde ich weiter im Stadion sein, weiter vor dem Fernseher sitzen und weiterhin Kicker-Noten und Spielberichte im Büro lesen. Und irgendwann ist sie hoffentlich zurück, die grenzenlose Liebe zum Fußball, zu meinem Herzensverein, den ich – so grotesk es klingt – wirklich vermisse.

Damit ich bald wieder voller Überzeugung mitsingen kann:

We love Sankt Pauli,
We do,
Sankt Pauli We Love you!

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Ein Gedanke zu „Gefühlslage

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